Film und Tod

Call for Papers zur gemeinsamen Tagung
des AK Filmsoziologie und des AK Thanatologie
der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

F I L M UND T O D
MEDIALE EVOKATIONEN DER ENDLICHKEIT DES LEBENS
Universität Passau, 18. und 19. November 2022
organisiert von Thorsten Benkel und Carsten Heinze

Film und Tod stehen in einem vielfältigen Verweisungszusammenhang, der sich von formalen Analogien über genretypische, thematisch-inhaltliche Aspekte bis hin zu Fragen des gesellschaftlichen Verhältnisses von Tod und Sterben und zu den kulturhistorischen Veränderungen dieses Diskurses zieht. Siegfried Kracauer meinte im Film ein Erlösungsmoment durch die »Errettung der äußeren Wirklichkeit« zu erkennen; für Edgar Morin wiederum ist der Kinematograph ein Apparat zur Erzeugung zeitloser menschlicher Doubles. Im Film wird der Mensch jedenfalls mit seiner Vergänglichkeit konfrontiert, der Film verrät aber auch, wie mit Tod und Sterben innerhalb von Gesellschaften umgegangen wird und wie ihre Vorstellungen und Bilder geprägt sind.

Die Bewegtbilder des Films implizieren ebenso sehr Lebendigkeit, wie sie zugleich als Todessignale interpretiert sind – denn das Gezeigte überdauert das Hier und Jetzt und schreibt Geschehnisse fest, die längst vergangen sind, wenn sie betrachtet werden. Im Film sind die Toten wieder lebendig und für das Publikum sogar ›zugänglicher‹ bzw. ›handhabbarer‹, als sie zu Lebzeiten waren. Überhaupt transzendiert das filmisch Gezeigte die Möglichkeiten subjektiver Erfahrung, und das gilt auch und gerade für den unvermeidbaren Übergang vom Leben in den Tod.

Sterben, Tod und Trauer haben die Kulturgeschichte des Films von seinen Anfängen an motivisch begleitet. Die Nähe des Thanatologischen zu romantischen wie auch zu expressionistischen Diskursen trifft sich in den Anfangsjahren des Films mit einer erheblich angestiegenen gesellschaftlichen Aufdringlichkeit des Sujets, die u.a. durch die zunehmend industrialisierte Kriegsführung provoziert wurde. Bis heute spiegeln die einschlägigen filmischen Evokationsformen das breite Panorama sämtlicher Genres und Präsentationsweisen wider. Das Leben endet auf der Leinwand oder auf dem Monitor, und es wird thematisiert im Spiel- wie im Dokumentarfilm, es taucht bald explizit oder bald nur in Andeutungen auf, es ist ein meist obligatorisch nebensächliches und nur hin und wieder explizit vordergründiges Sujet. Dass Menschen sterben müssen, könnte, wenn man es nicht schon wüsste, aus Filmen gelernt werden.

Während auf den ersten Blick bestimmte Filmsparten geradezu prädestiniert scheinen, sich mit dem Tod (was häufig eher meint: mit dem Sterben) auseinander zu setzen, liegt tatsächlich eher eine genrespezifische Behandlung des Gegenstandes vor, die dem Kriegsfilm oder dem Drama andere Darstellungsmodalitäten zugesteht als der Komödie, dem Musical oder eben dem Horrorfilm bzw. dem Thriller. Von besonderer Prägnanz sind in diesem Zusammenhang Dokumentarfilme, in denen der Tod per se ›realistischer‹ in Erscheinung zu treten scheint als bei fiktionalen Formaten. Das breite Spektrum dieser Repräsentationen könnte Auskunft über das gesellschaftliche Interesse geben, das Problem der Sterblichkeit durch die künstlerische Reflexion auf eine Weise anzugehen, die transzendentalen Ballast (meistens) vermeidet, die eine Prise Memento mori verstreut und mithilfe vielgesichtiger Gestaltungsstrategien die wohl zentralste lebensweltliche Krise ästhetisch so ver- und bearbeitet, dass sie eine überindividuelle Bedeutsamkeit erlangt. Daher sind auch Fragen nach der Personifikation des Todes im Film von Bedeutung.

In diesem Sinne sollen während der Tagung sozialwissenschaftliche Beiträge zum Verhältnis von Film und Tod vorgestellt und diskutiert werden, die sich mit verschiedenen Aspekten der filmischen Evokationen des Lebensendes befassen. Auch sozialwissenschaftlich motivierte Beitragsvorschläge aus den Kultur-, Medien- und Filmwissenschaften sind willkommen. Aufgegriffen werden können neben den genannten Aspekten auch Transgression, Gewalt, Schmerz, Folter sowie Verlust, Tröstung, Verbundenheit über den Tod hinaus und kindgerechte Darstellungen bzw. historisierende und filmessayistische Aufarbeitungen.

Angestrebt ist eine Präsenztagung an der Universität Passau. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos, Reisekosten können leider nicht übernommen werden. Es ist eine Publikation der Vorträge der Tagung in Form eines Sammelbandes vorgesehen.

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